Als japanische Fischer 1898 ein rosafarbenes Wesen mit langer Nasenschaufel aus der Sagami-Bucht zogen, hielten Zoologen es zunächst für eine Kuriosität. Heute wissen wir: Der Koboldhai (Mitsukurina owstoni) schwimmt in fast unveränderter Form seit rund 125 Millionen Jahren durch die Tiefsee. Fossilienfunde seiner Verwandtschaft reichen bis in die Unterkreide zurück — in eine Zeit, in der Dinosaurier die Kontinente beherrschten. Während sich über ihm ganze Ökosysteme mehrfach neu erfanden, blieb der Koboldhai, was er war.
Dieser Artikel erklärt, warum der Koboldhai als lebendes Fossil gilt, was seinen Kiefer zur schnellsten Waffe unter allen Fischen macht und warum trotz seiner drei bis vier Meter Länge kaum ein Mensch je einem begegnet ist.
Inhaltsverzeichnis
Das lebende Fossil aus der Kreidezeit
Der Koboldhai ist die einzige heute lebende Art seiner Familie, der Mitsukurinidae. Alle anderen Gattungen dieser Familie sind ausgestorben und nur noch als Fossilien bekannt: Anomotodon aus der Unterkreide bis zum Eozän, Scapanorhynchus aus der Unter- bis Oberkreide sowie drei weitere Gattungen. Einige Forscher halten Mitsukurina und Scapanorhynchus sogar für dieselbe Gattung — dann wäre der heutige Koboldhai buchstäblich ein Kreidezeit-Hai unter anderem Namen.
Das Alter des Koboldhais als Art ist damit ungleich beeindruckender als das Alter eines einzelnen Tieres. Wie lange ein Koboldhai lebt, weiß bis heute niemand — dafür fehlen schlicht die Untersuchungsobjekte. Bei anderen Tiefseehaien kennen wir die Antwort: Der Grönlandhai wird nachweislich über 270 Jahre alt. Beim Koboldhai steht in der Fachliteratur an dieser Stelle nichts.
Stammesgeschichtlich sitzt er an einer bemerkenswerten Stelle: Phylogenetische und molekularbiologische Untersuchungen ordnen ihn als ursprünglichste Art der Makrelenhaiartigen (Lamniformes) ein. Damit ist er ein entfernter Verwandter des Makohais, des Heringshais und des Weißen Hais — und auch des ausgestorbenen Megalodon. Von diesen kraftvollen Jägern hat sich der Koboldhai jedoch in eine völlig andere Richtung entwickelt.
Das schnellste Maul im Ozean
2016 gelang einem Team um den Zoologen Kazuhiro Nakaya von der Universität Hokkaido, was zuvor niemand geschafft hatte: Sie werteten Videoaufnahmen aus, auf denen zwei Koboldhaie insgesamt fünfmal Beute schlagen. Das Ergebnis war eine Sensation. Der Koboldhai schleudert seinen Kiefer mit bis zu 3,1 Metern pro Sekunde nach vorn — die schnellste Kieferbewegung, die je bei einem Fisch gemessen wurde. Die Studie erschien in Scientific Reports.
Der Bewegungsablauf ist außergewöhnlich. Zuerst schwingt der Unterkiefer nach unten und hinten, wodurch sich das Maul extrem weit öffnet. Dann schnellt der gesamte Kieferapparat nach vorn — um 8,6 bis 9,4 Prozent der Körperlänge des Tieres. Bei einem vier Meter langen Hai sind das über 35 Zentimeter. Der ganze Vorgang dauert etwa 0,3 Sekunden. Beim Zurückziehen öffnet und schließt sich das Maul ein zweites Mal, ein bei Haien bis dahin unbekanntes Verhalten.
Die Forscher nannten diese Technik Slingshot Feeding — Katapult-Fressen. Sie deuten sie als Anpassung an die nahrungsarme Tiefsee: Wer selten auf Beute trifft, darf keine Gelegenheit verpassen. Der Preis dafür ist ein weicher, schlaff wirkender Körper mit kleinen, abgerundeten Flossen. Der Koboldhai hat Schwimmleistung gegen Reichweite getauscht. Er jagt nicht, er lauert — und holt sich die Beute im letzten Moment mit einem Katapultschlag.
Größe und Aussehen des Koboldhais
Koboldhaie erreichen eine Länge von durchschnittlich 3 bis 4,5 Metern. Das größte dokumentierte Exemplar maß über sechs Meter; gefangen wurde es rund einen Kilometer tief im Norden des Golfs von Mexiko. Die meisten bekannten Tiere waren allerdings deutlich kleiner — rund zwei Meter.
Das auffälligste Merkmal ist das lange, paddelförmige Rostrum über dem Maul, das ihm den zweiten deutschen Namen Nasenhai eingebracht hat. Die Haut ist rosagetönt grau, der Körper weich, die Augen sind sehr klein und besitzen keine Nickhaut. Die Zähne sind lang, schmal und nagelartig: 35 bis 53 Reihen im Oberkiefer, 31 bis 62 im Unterkiefer. Nadelartige Zähne dieser Bauart kennt man sonst vor allem vom Sandtigerhai — beide fangen damit glitschige Beute, statt sie zu zerschneiden.
Lebensraum: die Dunkelzone der Ozeane
Der Koboldhai lebt an den äußeren Schelfgebieten, entlang der Kontinentalabhänge und rund um Tiefseeberge. Der Schwerpunkt seines Vorkommens liegt zwischen 270 und 960 Metern Tiefe, nachgewiesen wurde er in einer Spanne von 30 bis 1.350 Metern. Das ist eine Welt ohne Sonnenlicht, mit Temperaturen um wenige Grad über null und einem Druck, der jede Tauchglocke auf die Probe stellt.
Sein Verbreitungsgebiet ist riesig, aber nur punktförmig bekannt: westlicher und östlicher Atlantik, südwestlicher Indischer Ozean, westlicher und östlicher Pazifik. Die meisten Funde stammen aus dem nordwestlichen Pazifik vor Japan und Taiwan. Ob das an einer höheren Dichte dort liegt oder schlicht daran, dass dort am intensivsten in der Tiefe gefischt wird, ist offen.
Beute und Fortpflanzung
Auf dem Speiseplan stehen Tiefseefische, Kopffüßer wie Tintenfische und Krebstiere. Bei der Jagd hilft ihm das lange Rostrum: Es ist dicht mit sogenannten Lorenzinischen Ampullen besetzt, elektrischen Sinnesorganen, mit denen Haie die Muskelaktivität von Beutetieren wahrnehmen. In völliger Dunkelheit ersetzt dieser Sinn das Auge — der Koboldhai ortet seine Beute, bevor er sie je gesehen hat.
Wie alle Makrelenhaiartigen ist der Koboldhai ovovivipar: Die Eier entwickeln sich im Mutterleib, die Jungtiere kommen lebend zur Welt. Beobachtet wurde das allerdings noch nie. Bis heute ist kein trächtiges Weibchen wissenschaftlich untersucht worden, weshalb Tragzeit, Wurfgröße und Geburtsgröße unbekannt bleiben.
Der Koboldhai und der Mensch
Trotz seines bedrohlichen Aussehens ist der Koboldhai für Menschen ungefährlich. Es existiert kein dokumentierter Angriff — und das hat einen einfachen Grund: Seine Lebensräume und unsere überschneiden sich praktisch nicht. Wer in 500 Metern Tiefe jagt, trifft keine Schwimmer. Die wenigen Begegnungen finden an Bord von Tiefseefischern statt, in den Netzen.
Die Weltnaturschutzunion IUCN führt den Koboldhai in ihrer Roten Liste als least concern, also als nicht gefährdet. Diese Einstufung sagt jedoch weniger über gesunde Bestände aus, als es klingt: Sie beruht darauf, dass die Art praktisch keine Bedeutung für die Fischerei hat und nur selten als Beifang endet. Wie viele Koboldhaie es tatsächlich gibt, weiß niemand. Die meisten Populationen sind schlicht unbekannt.
Häufige Fragen zum Koboldhai
Ist der Koboldhai gefährlich?
Nein. Es ist kein einziger Angriff auf einen Menschen dokumentiert. Der Koboldhai lebt in Tiefen von mehreren hundert Metern, in denen Menschen sich nicht aufhalten. Sein furchterregendes Aussehen und der vorschnellende Kiefer sind auf Tiefseebeute ausgelegt, nicht auf Großsäuger.
Wie groß werden Koboldhaie?
Durchschnittlich 3 bis 4,5 Meter. Das größte je gefangene Exemplar stammt aus dem Golf von Mexiko und war über sechs Meter lang. Die meisten dokumentierten Tiere maßen dagegen nur etwa zwei Meter.
Wo leben Koboldhaie?
In der Tiefsee des Atlantiks, des Indischen Ozeans und des Pazifiks, meist zwischen 270 und 960 Metern Tiefe. Die meisten Nachweise stammen aus dem nordwestlichen Pazifik vor den Küsten Japans und Taiwans.
Was essen Koboldhaie?
Tiefseefische, Kopffüßer und Krebstiere. Die Beute wird mit dem katapultartig vorschnellenden Kiefer erfasst — eine Technik, die in der nahrungsarmen Tiefsee jede Gelegenheit ausnutzt.
Wie sieht ein Koboldhai aus?
Er hat eine rosagetönte graue Haut, ein langes, flaches, paddelförmiges Rostrum über dem Maul und lange, nadelartige Zähne. Der Körper wirkt weich und schlaff, die Flossen sind klein und abgerundet, die Augen winzig und ohne Nickhaut.
Wie viele Koboldhaie gibt es?
Das ist unbekannt. Es gibt keine belastbare Bestandsschätzung, weil die Art so selten gesichtet wird. Die IUCN stuft sie dennoch als nicht gefährdet ein — weil sie kaum befischt wird, nicht weil die Bestände erfasst wären.
Fazit
Der Koboldhai ist kein Relikt, das die Evolution vergessen hat — er ist ein Spezialist, dessen Bauplan sich als so gut erwiesen hat, dass 125 Millionen Jahre daran nichts Wesentliches ändern konnten. Sein Katapultkiefer, die schnellste Kieferbewegung im Tierreich der Fische, löst genau das Problem, das die Tiefsee stellt: seltene Gelegenheiten, die kein zweites Mal kommen.
Gleichzeitig bleibt er eines der größten Rätsel der Haiforschung. Wir kennen weder sein Alter noch seine Bestandsgröße, haben nie eine Geburt beobachtet und verdanken unser Wissen über seine Jagdtechnik einem einzigen Videofund. Für einen Hai von vier Metern Länge ist das eine erstaunlich dünne Aktenlage — und ein guter Grund, die Tiefsee weiter zu erforschen.