Heringshai: Der warmblütige Hai der Nordsee

Heringshai: Der warmblütige Hai der Nordsee

Der Heringshai (Lamna nasus) ist einer der wenigen Haie der Welt, die ihre Körpertemperatur selbst regulieren: Über ein Wundernetz aus feinen Blutgefäßen hält er seinen Rumpf 7 bis 10 Grad Celsius über der Wassertemperatur. Genau deshalb jagt er dort, wo die meisten Haie längst aufgeben – in der eiskalten Nordsee, vor Norwegen und bis hinauf nach Grönland.

Diese Fähigkeit macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung unter rund 500 bekannten Haiarten. Und sie erklärt, warum ausgerechnet vor deutschen Küsten ein bis zu dreieinhalb Meter langer Raubhai schwimmt, der dem Weißen Hai zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieser Artikel klärt, was den Heringshai warmblütig macht, wie man ihn sicher vom Weißen Hai unterscheidet und wie gefährlich er für Menschen tatsächlich ist.

So hält der Heringshai seine Körpertemperatur über der des Meeres

Fische sind wechselwarm – ihre Körpertemperatur entspricht der des umgebenden Wassers. Der Heringshai gehört zu den wenigen Ausnahmen. Fachleute sprechen von regionaler Endothermie oder Mesothermie: einem Zwischenzustand, der weder reine Kaltblütigkeit noch echte Warmblütigkeit ist.

Der Trick steckt in einem Geflecht feiner Blutgefäße, dem Rete mirabile (lateinisch für „Wundernetz“). Dort liegen warme Arterien und kalte Venen so dicht beieinander, dass die Wärme aus dem arbeitenden Muskel nicht über die Kiemen ans Meer verloren geht, sondern im Körper zirkuliert. Betroffen sind vor allem die dunkelrote Schwimmmuskulatur im Rumpf, das Gehirn und die Augen.

Der Vorteil ist handfest: Warme Muskeln arbeiten schneller und ausdauernder. Während ein wechselwarmer Hai bei 8 Grad Wassertemperatur träge wird, bleibt der Heringshai ein schneller Dauerjäger. Diese Anpassung teilt er nur mit einer Handvoll Verwandter aus der Familie der Makrelenhaie – darunter der Weiße Hai und der Makohai.

Heringshai Größe: bis 3,5 Meter und über 200 Kilogramm

Ausgewachsene Heringshaie erreichen in der Regel 2 bis 2,5 Meter. Die dokumentierte Maximalgröße liegt bei rund 3,5 Metern, das Gewicht großer Tiere bei über 200 Kilogramm. Weibchen werden dabei deutlich größer als gleichaltrige Männchen – bis zu einem Drittel.

Der Körperbau ist kompakt und spindelförmig, fast torpedoartig: kurze konische Schnauze, kräftiger Rumpf, ein schmaler Schwanzstiel mit ausgeprägtem Seitenkiel und eine nahezu halbmondförmige Schwanzflosse, deren beide Lappen fast gleich lang sind. Das ist die Bauform eines Hochleistungsschwimmers, der große Strecken durchhält.

  • Länge: meist 2–2,5 m, maximal rund 3,5 m
  • Gewicht: bis über 200 kg
  • Lebenserwartung: über 30 Jahre
  • Geschlechtsreife: erst mit 13 bis 20 Jahren
  • Tiefenbereich: Oberfläche bis über 700 Meter

Heringshai oder Weißer Hai: die drei sicheren Unterscheidungsmerkmale

Kaum eine Meldung über einen „Weißen Hai vor der europäischen Küste“ hält der Prüfung stand – meist war es ein Heringshai. Der Spitzname „Kleiner Weißer“ kommt nicht von ungefähr: Beide gehören zur Familie der Makrelenhaie, beide haben graue Oberseite, helle Unterseite und dieselbe torpedoförmige Silhouette. Drei Merkmale trennen sie trotzdem zuverlässig.

Der weiße Fleck an der ersten Rückenflosse

Das eindeutigste Kennzeichen: An der hinteren Basis der ersten Rückenflosse sitzt beim Heringshai ein klar abgesetzter weißer Fleck. Dem Weißen Hai fehlt dieses Merkmal vollständig – seine Rückenflosse ist durchgehend grau.

Der zweite Kiel am Schwanzstiel

Beide Arten tragen einen kräftigen Hauptkiel am Schwanzstiel. Nur der Heringshai besitzt zusätzlich einen kleineren, zweiten Kiel auf der Schwanzflosse selbst. Bei einem angelandeten oder gestrandeten Tier ist das der schnellste Test.

Größe und Zahnform

Geöffnetes Maul eines Heringshais mit schmalen, spitzen und glattrandigen Zähnen zum Festhalten von Fischen
Die schmalen, glattrandigen Zähne des Heringshais sind zum Festhalten von Fischen gebaut – nicht zum Schneiden. Foto: Des Colhoun, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Ein Weißer Hai wird über 6 Meter lang, der Heringshai bleibt bei 3,5 Metern. Und seine Zähne sind schmal, spitz und glattrandig – Werkzeuge zum Festhalten glitschiger Fische. Der Weiße Hai hat breite, dreieckige Zähne mit gesägter Schneide, mit denen er Stücke aus großer Beute schneidet. Allein daran lässt sich ablesen, dass der Heringshai gar nicht auf Robben oder große Säugetiere ausgelegt ist.

Heringshai in Nordsee und Ostsee: wo er wirklich vorkommt

Der Heringshai ist ein Bewohner kühler, gemäßigter Meere. Sein Hauptverbreitungsgebiet ist der Nordatlantik – von Madeira und den Azoren über die Britischen Inseln bis nach Island, Grönland und Nordnorwegen. Die Nordsee gehört fest dazu; hier folgt er den Schwärmen von Makrelen und Heringen, die ihm den Namen gegeben haben.

Über Skagerrak und Kattegat gelangen einzelne Tiere gelegentlich bis in die westliche Ostsee. Solche Vorstöße bleiben allerdings Ausnahmen: Der niedrige Salzgehalt der Ostsee ist für die Art kein dauerhafter Lebensraum. Wer an der deutschen Ostseeküste badet, trifft praktisch sicher keinen Heringshai.

Auf der Südhalbkugel existiert eine getrennte Population rund um Südaustralien, Neuseeland, Südafrika, das südliche Südamerika und die subantarktischen Gewässer. Die beiden Bestände vermischen sich nicht – die warmen Tropengewässer dazwischen bilden eine natürliche Barriere für einen Hai, der Kälte bevorzugt.

So gefährlich ist der Heringshai für Menschen wirklich

Das International Shark Attack File führt weltweit lediglich zwei Angriffe durch Heringshaie – je einen vor der englischen und der kanadischen Küste. Keiner davon endete tödlich. Gemessen an einer Art, die seit Jahrzehnten in stark befischten und viel betauchten Gewässern lebt, ist das eine bemerkenswert kurze Liste.

Der Grund liegt im Speiseplan. Heringshaie jagen Schwarmfische: Heringe, Makrelen, Sardinen, Dorsche und Kalmare. Robben und andere Meeressäuger stehen nicht darauf – und damit fehlt genau jenes Beutemuster, das bei größeren Raubhaien zu Verwechslungen mit Surfern und Schwimmern führt. Hinzu kommt, dass der Heringshai überwiegend im offenen Wasser und in größeren Tiefen unterwegs ist, nicht in flachen Badebereichen.

Vorsicht ist trotzdem angebracht, wo Menschen und Heringshaie direkt aufeinandertreffen: beim Angeln und beim Hantieren mit gefangenen Tieren. Ein 200 Kilogramm schwerer Hai an Bord ist gefährlich, unabhängig von seinen Absichten. Im Wasser dagegen gilt der Heringshai als scheu und weicht Tauchern in aller Regel aus.

Warum der Heringshai im Nordostatlantik vom Aussterben bedroht ist

Die IUCN führt den Heringshai global als „gefährdet“ (vulnerable). Regional sieht es dramatischer aus: Im Nordostatlantik und im Mittelmeer gilt er als „vom Aussterben bedroht“, im Nordwestatlantik als „stark gefährdet“ – dort ist der Bestand auf etwa ein Viertel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft.

Verantwortlich ist eine Kombination aus gutem Fleisch und langsamer Fortpflanzung. Heringshai-Steaks galten lange als Delikatesse, die Flossen landen in der Haifischflossensuppe. Gleichzeitig wird ein Weibchen erst mit 13 bis 20 Jahren geschlechtsreif und bringt nach acht bis neun Monaten Tragzeit nur ein bis fünf lebende Junge zur Welt. Die Embryonen ernähren sich dabei im Mutterleib von unbefruchteten Eiern – eine Strategie, die wenige, aber 60 bis 80 Zentimeter große Jungtiere hervorbringt.

Eine solche Art verkraftet keine industrielle Befischung. Der Schutz kam spät: Seit 2010 gilt in EU-Gewässern und für EU-Schiffe ein Fangverbot, das ebenso den Dornhai einschließt. Seit dem 14. September 2014 steht der Heringshai zusätzlich im Anhang II des Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES), was den internationalen Handel an Genehmigungen und Nachhaltigkeitsnachweise bindet. Ob die Bestände sich erholen, wird sich erst über Jahrzehnte zeigen – bei einer Art, die 20 Jahre bis zur ersten Fortpflanzung braucht, ist Geduld keine Option, sondern Biologie.

Häufige Fragen zum Heringshai

Ist der Heringshai gefährlich für Menschen?

Kaum. Weltweit sind nur zwei Angriffe dokumentiert, keiner davon tödlich. Der Heringshai jagt Schwarmfische, keine Meeressäuger, und meidet flache Küstenbereiche. Riskant wird er nur beim Hantieren mit gefangenen Tieren.

Wie groß werden Heringshaie?

Meist 2 bis 2,5 Meter, maximal rund 3,5 Meter bei über 200 Kilogramm. Weibchen werden bis zu einem Drittel größer als gleichaltrige Männchen.

Was frisst der Heringshai?

Vor allem Schwarmfische – Heringe, Makrelen, Sardinen und Dorsche – dazu Kalmare und gelegentlich Grundfische. Seinen Namen verdankt er genau dieser Vorliebe für Heringe.

Wo leben Heringshaie?

In kühlen Meeren des Nordatlantiks von Madeira bis Grönland, einschließlich Nordsee und Mittelmeer, gelegentlich bis in die westliche Ostsee. Eine zweite, getrennte Population lebt auf der Südhalbkugel rund um Neuseeland, Südafrika und Südamerika.

Wie sieht ein Heringshai aus?

Spindelförmiger grauer Körper mit heller Unterseite, kurze konische Schnauze und halbmondförmige Schwanzflosse. Sicherstes Erkennungszeichen ist der weiße Fleck an der hinteren Basis der ersten Rückenflosse, den der Weiße Hai nicht besitzt.

Fazit: ein unterschätzter Hai vor der eigenen Haustür

Der Heringshai ist kein Menschenfresser und kein Weißer Hai – er ist ein hochspezialisierter Kaltwasserjäger, dessen Wundernetz ihm einen Vorsprung in Meeren verschafft, die anderen Haien zu kalt sind. Ausgerechnet diese Spezialisierung wurde ihm zum Verhängnis: Sie band ihn an genau jene nordatlantischen Gewässer, die am intensivsten befischt werden.

Wer in Nord- oder Ostsee ins Wasser geht, hat von ihm nichts zu befürchten. Umgekehrt hat er von uns eine Menge zu befürchten. Fangverbot und CITES-Listung sind die richtigen Schritte – erholen wird sich der Bestand aber erst, wenn eine Generation Heringshaie überhaupt alt genug wird, um sich fortzupflanzen.