Grönlandhai – das älteste Wirbeltier der Welt

Grönlandhai – das älteste Wirbeltier der Welt

Der Grönlandhai (Somniosus microcephalus) ist eines der faszinierendsten Tiere der Ozeane – und mit ziemlicher Sicherheit das älteste Wirbeltier der Welt. Forscher schätzen, dass einzelne Exemplare bis zu 400 Jahre alt werden können. Damit könnte ein heute lebender Grönlandhai schon geboren worden sein, als in Europa noch der Dreißigjährige Krieg tobte. In diesem Artikel erfährst Du, wie alt der Grönlandhai wirklich wird, wo er lebt, was er frisst und warum sein Fleisch für Menschen giftig ist.

Wie alt wird der Grönlandhai?

Der Grönlandhai ist der Methusalem unter den Wirbeltieren. Eine vielbeachtete Studie aus dem Jahr 2016 ergab ein Mindestalter von rund 272 Jahren – das größte untersuchte Weibchen war den Berechnungen zufolge sogar knapp 400 Jahre alt. Selbst die vorsichtigsten Schätzungen machen den Grönlandhai damit zum langlebigsten bekannten Wirbeltier überhaupt und lassen sogar den Grönlandwal hinter sich.

Doch wie bestimmt man das Alter eines Tieres, das mehrere Jahrhunderte alt sein kann? Da das Skelett von Haien aus Knorpel und nicht aus Knochen besteht, fehlen die üblichen Jahresringe. Die Forscher nutzten deshalb einen cleveren Trick: In der Augenlinse des Hais lagern sich Proteine ab, die bereits vor der Geburt entstehen und sich zeitlebens nicht mehr erneuern. Über die Radiokarbonmethode ließ sich das Alter dieser Proteine – und damit des Tieres – erstaunlich genau datieren.

Ein Grund für das extreme Alter liegt vermutlich in der eisigen Kälte seines Lebensraums. Bei Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt läuft der Stoffwechsel des Grönlandhais extrem langsam ab. Zellschäden entstehen dadurch nur schleichend – und die Geschlechtsreife erreicht das Tier erst mit rund 150 Jahren, bei einer Körperlänge von etwa vier Metern.

Steckbrief: Größe, Gewicht und Aussehen

Der Grönlandhai, auch Eishai genannt, gehört zur Familie der Schlafhaie und ist ein echter Riese der Tiefsee. Ausgewachsen erreicht er im Schnitt eine Länge von vier bis fünf Metern; besonders große Exemplare können über sechs Meter lang werden und mehr als eine Tonne wiegen. Damit zählt er zu den größten Haiarten überhaupt – wenn auch längst nicht so gewaltig wie der Walhai, der größte Fisch der Welt.

  • Wissenschaftlicher Name: Somniosus microcephalus
  • Länge: durchschnittlich 4–5 m, maximal über 6 m
  • Gewicht: bis über 1.000 kg
  • Lebenserwartung: mindestens 272, vermutlich bis ~400 Jahre
  • Lebensraum: kalte Gewässer des Nordatlantiks und der Arktis
  • Gefährdungsstatus: gefährdet (IUCN „Vulnerable“)

Optisch wirkt der Grönlandhai eher plump: ein massiger, walzenförmiger Körper, eine stumpfe Schnauze und kleine Augen. Seine graubraune bis schwärzliche Färbung tarnt ihn perfekt in der Dunkelheit der Tiefe. Der wissenschaftliche Artname microcephalus („Kleinkopf“) spielt auf seinen im Verhältnis kleinen Kopf an.

Wo lebt der Grönlandhai?

Der Grönlandhai bewohnt die kalten Gewässer des Nordatlantiks und der Arktis. Rund um Grönland, Island und die norwegische Küste ist er am häufigsten anzutreffen, gelegentlich verirrt er sich aber auch weiter nach Süden bis in die Biskaya. Seine bevorzugte Wassertemperatur liegt zwischen minus einem und vier Grad Celsius – Bedingungen, die für die meisten anderen Haiarten tödlich wären.

Meistens hält sich der Eishai in Tiefen zwischen 200 und 500 Metern auf, wurde aber schon in über 2.000 Metern Tiefe nachgewiesen. In den kalten Regionen rund um den Pol steigt er gelegentlich auch bis dicht unter die Wasseroberfläche auf. Anders als der Weiße Hai, der gemäßigte bis subtropische Küstengewässer bevorzugt, ist der Grönlandhai ein ausgesprochener Kaltwasser- und Tiefseespezialist. Auch im Atlantik gehört er damit zu den seltener gesichteten Arten.

Der langsamste Hai der Welt

Nicht ohne Grund gehört der Grönlandhai zur Familie der Schlafhaie: Er gleitet mit gerade einmal ein bis zwei Kilometern pro Stunde durchs Wasser und zählt damit zu den langsamsten Haien überhaupt. Wie ein solcher Trödler dennoch flinke Beute wie Robben erlegt, gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Vermutlich überrascht er schlafende oder kranke Tiere – oder ernährt sich schlicht zu großen Teilen von Aas.

Was frisst der Grönlandhai?

Der Grönlandhai ist ein opportunistischer Jäger und Aasfresser zugleich. Auf seinem Speiseplan stehen vor allem Fische wie Heilbutt, Rotbarsch und kleinere Haie, aber auch Robben. In den Mägen gefangener Tiere fanden Forscher schon erstaunliche Überreste – darunter Teile von Rentieren, Pferden und sogar Eisbären. Vieles davon dürfte allerdings als Kadaver im Meer gelandet sein, bevor es der Hai verschlang.

Der Parasit im Auge

Eine Besonderheit des Grönlandhais ist ein blinder Passagier: der kleine Ruderfußkrebs Ommatokoita elongata. Dieser Parasit heftet sich fest an die Hornhaut der Haiaugen und beschädigt das Gewebe so stark, dass viele Tiere auf dem betroffenen Auge erblinden. Untersuchungen zeigen, dass fast jeder Grönlandhai befallen ist – die Befallsrate liegt bei nahezu 99 Prozent.

Für den Hai ist das erstaunlicherweise kaum ein Problem. In der lichtlosen Tiefe, in der er lebt, spielen die Augen ohnehin eine untergeordnete Rolle. Der Grönlandhai orientiert sich vor allem über seinen ausgezeichneten Geruchssinn und seine Fähigkeit, feinste elektrische Felder seiner Beute wahrzunehmen.

Warum das Fleisch giftig ist – und Hákarl trotzdem gegessen wird

Das Fleisch des Grönlandhais enthält hohe Mengen an Trimethylaminoxid (TMAO), einer Substanz, die dem Tier hilft, in der eisigen Tiefe seine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Für den Menschen ist frisches Grönlandhai-Fleisch jedoch giftig: Im Körper wird das TMAO zu Trimethylamin abgebaut, das in größeren Mengen zu Symptomen ähnlich einer starken Alkoholvergiftung führen kann – bis hin zu Lähmungen und Halluzinationen.

In Island hat man dennoch einen Weg gefunden, den Hai essbar zu machen: Hákarl. Dafür wird das Fleisch monatelang vergraben, fermentiert und anschließend zum Trocknen aufgehängt, bis die giftigen Stoffe abgebaut sind. Das Ergebnis ist eine Delikatesse mit extrem strengem Ammoniakgeruch, die als isländische Spezialität gilt – und den meisten Touristen den Atem verschlägt.

Ist der Grönlandhai gefährdet?

Ja. Die Weltnaturschutzunion IUCN führt den Grönlandhai als „gefährdet“ (Vulnerable). Sein extrem langsames Wachstum und die späte Geschlechtsreife mit rund 150 Jahren machen die Art besonders empfindlich: Gehen die Bestände einmal zurück, dauert ihre Erholung Jahrhunderte. Historisch wurde der Hai gezielt wegen seines Leberöls gejagt; heute ist vor allem der ungewollte Beifang in der Fischerei eine Bedrohung. Angesichts seines biblischen Alters ist jeder verlorene Grönlandhai ein unwiederbringliches Stück Naturgeschichte.

Häufige Fragen zum Grönlandhai

Wie alt kann ein Grönlandhai werden?

Studien belegen ein Mindestalter von rund 272 Jahren, einzelne Tiere könnten sogar bis zu 400 Jahre alt werden. Damit ist der Grönlandhai das älteste bekannte Wirbeltier der Welt.

Ist der Grönlandhai für Menschen gefährlich?

Nein. Der Grönlandhai lebt in großen Tiefen und in kalten Regionen, in denen Menschen praktisch nie mit ihm in Berührung kommen. Angriffe auf Menschen sind nicht dokumentiert. Sein rohes Fleisch ist allerdings giftig.

Warum ist das Fleisch des Grönlandhais giftig?

Es enthält viel Trimethylaminoxid (TMAO), das im Körper zu giftigem Trimethylamin umgewandelt wird. Erst durch Fermentieren und Trocknen – wie beim isländischen Hákarl – wird das Fleisch genießbar.

Wie groß wird ein Grönlandhai?

Im Durchschnitt vier bis fünf Meter, große Exemplare über sechs Meter bei einem Gewicht von mehr als einer Tonne. Er wächst dabei nur etwa einen Zentimeter pro Jahr.

Fazit

Der Grönlandhai ist ein lebendes Fossil im wahrsten Sinne: langsam, geheimnisvoll und von einer Langlebigkeit, die alles andere im Tierreich in den Schatten stellt. Während er lautlos durch die dunkle Kälte des Nordatlantiks gleitet, trägt er Jahrhunderte an Erdgeschichte in sich. Gerade diese Einzigartigkeit macht seinen Schutz so wichtig – denn ein Tier, das 400 Jahre zum Wachsen braucht, lässt sich nicht ersetzen.