294 kPa: Der Ammenhai saugt wie 10 Staubsauger

294 kPa: Der Ammenhai saugt wie 10 Staubsauger

Der Ammenhai (Ginglymostoma cirratum) sieht aus wie der trägste Hai des Riffs — und erzeugt trotzdem den stärksten Sog, der je bei einem Hai gemessen wurde: rund 294 Kilopascal Unterdruck. Ein handelsüblicher Haushaltsstaubsauger schafft etwa 20 Kilopascal. Der Ammenhai saugt also mit der Kraft von rund zehn Staubsaugern — und braucht dafür nur den Bruchteil einer Sekunde.

Genau dieser Widerspruch macht die Art so interessant: ein Hai, der tagsüber reglos im Sand liegt, nachts aber Beute aus Felsspalten zieht, an die kein Raubhai herankommt. Dieser Artikel erklärt den Mechanismus dahinter, ordnet die Größe ein und beantwortet die Frage, die am häufigsten zum Ammenhai gestellt wird: wie gefährlich er für Menschen tatsächlich ist.

294 Kilopascal: So funktioniert der Sog des Ammenhais

Die meisten Haie jagen, indem sie ihre Beute anschwimmen und zubeißen. Der Ammenhai macht das Gegenteil: Er hält sein Maul dicht vor eine Spalte und lässt den Wasserdruck die Arbeit erledigen. Fachlich heißt das Saugfressen — der Hai reißt seine Mundhöhle blitzartig auf, das Volumen im Inneren vervielfacht sich, und der entstehende Unterdruck zieht alles hinein, was nicht festgewachsen ist.

Dafür ist der ganze Kopf umgebaut. Der Ammenhai besitzt stark vergrößerte Muskeln am Zungenbein- und Kiemenbogen, die den Boden der Mundhöhle nach unten reißen. Seine Maulöffnung ist auffällig klein und fast rund, seitlich von verdickten Lippenknorpeln abgedichtet — das konzentriert den Sog auf eine kleine Fläche, statt ihn zu verteilen. Zusätzliche Klappen im Rachen verhindern, dass Wasser zurückströmt.

Messungen an lebenden Tieren zeigen, wie schnell das abläuft: Bis zur maximalen Maulöffnung vergehen im Mittel nur 32 Millisekunden — der schnellste jemals bei einem Knorpelfisch dokumentierte Wert. Der komplette Biss ist nach rund 100 Millisekunden vorbei. Für einen Oktopus in seinem Versteck bedeutet das: Er merkt den Angriff erst, wenn er schon im Maul steckt.

Diese Technik teilt der Ammenhai in abgeschwächter Form mit seiner Verwandtschaft. Er gehört zur Ordnung der Ammenhaiartigen, zu der auch die Teppichhaie und der Walhai zählen — der größte Fisch der Welt filtert sein Plankton nach demselben Grundprinzip aus dem Wasser, nur in einer ganz anderen Größenordnung.

Ammenhai-Zähne sind zum Knacken gebaut, nicht zum Reißen

Wer bei „Hai“ an Dreiecksklingen denkt, wird beim Ammenhai enttäuscht. Seine Zähne sind klein, gedrungen und fächerförmig angeordnet, mit mehreren kleinen Spitzen pro Zahn. Sie schneiden nicht, sie zermalmen. Das ist kein Nachteil, sondern die logische Ergänzung zum Sog: Was der Unterdruck hereinholt, wird anschließend zerdrückt.

Auf dem Speiseplan stehen entsprechend keine schnellen Beutefische, sondern Hartschaliges und Bodenbewohner:

  • Langusten, Krabben und andere Krebstiere
  • Seeigel und Muscheln
  • Oktopusse und Kalmare
  • langsame Bodenfische, die nachts in Spalten ruhen

Zwei kurze Barteln an den Nasenöffnungen ergänzen die Ausrüstung. Der Ammenhai tastet damit den Boden ab und findet Beute auch dann, wenn sie vollständig im Sand vergraben ist.

So groß wird der Ammenhai

Ausgewachsene Atlantische Ammenhaie messen typischerweise 2,1 bis 2,7 Meter und wiegen dann etwa 75 bis 120 Kilogramm. Das größte sicher vermessene Exemplar kam auf 3,08 Meter. Ältere Angaben von mehr als vier Metern Länge oder 300 Kilogramm geistern zwar bis heute durch die Literatur, gelten fachlich aber als übertrieben. Realistisch trifft man im Riff auf Tiere zwischen anderthalb und zweieinhalb Metern.

Bemerkenswert ist weniger die Endgröße als das Tempo dorthin. Ammenhaie wachsen sehr langsam: Männchen werden mit 10 bis 15 Jahren geschlechtsreif, Weibchen erst mit 15 bis 20 Jahren und ab einer Länge von rund 2,30 Metern. Sie bringen lebende Junge zur Welt — die Eier entwickeln sich im Mutterleib, ernährt vom eigenen Dottersack. Nach etwa sechs Monaten Tragzeit kommen typischerweise 21 bis 29 rund 30 Zentimeter lange Jungtiere zur Welt, und das nur alle zwei Jahre.

So gefährlich ist der Ammenhai wirklich

Für Menschen ist der Ammenhai eine der ungefährlichsten großen Haiarten überhaupt. Er jagt am Boden, er jagt Hartschaliges, und sein Maul ist zu klein und zu rund für Beute in Menschengröße. In der weltweiten Bissstatistik taucht er zwar auf, aber mit einem Anteil im Bereich von einem Prozent der unprovozierten Vorfälle — und ohne einen einzigen dokumentierten Todesfall. In keiner seriösen Rangliste der gefährlichsten Haie der Welt steht er auch nur in der Nähe der vorderen Plätze.

Das macht ihn allerdings nicht zum Kuscheltier. Ein Ammenhai von zwei Metern ist ein kräftiges Wildtier mit einem Kiefer, der Seeigelschalen knackt. Harmlos ist er, solange man ihn in Ruhe lässt — und genau daran scheitert es in der Praxis regelmäßig.

Ammenhai ruht nachts reglos auf dem Sandboden eines Korallenriffs
Genau diese Reglosigkeit wird dem Ammenhai zum Verhängnis: Sie verleitet Taucher dazu, ihn anzufassen. Foto: Charlotte Youlten / Pexels

Ammenhai-Bisse haben fast immer dieselbe Ursache

Die Zahlen sind in dieser Hinsicht ungewöhnlich eindeutig: Auf jeden unprovozierten Vorfall kommen beim Ammenhai etwa zehn provozierte. Kein anderer Hai hat ein derart schiefes Verhältnis. Der Grund liegt auf der Hand — weil das Tier reglos im Sand liegt und niemanden angreift, halten Schnorchler und Taucher es für ein Fotomotiv zum Anfassen. Am Schwanz ziehen, aufsitzen, in die Kamera drehen: Das sind die Situationen, in denen es passiert.

Der Biss selbst ist selten tief, aber unangenehm hartnäckig. Wegen der kleinen, nach innen gerichteten Zähne und des festen Kiefergriffs lässt der Ammenhai oft nicht sofort wieder los; in dokumentierten Fällen musste der Kiefer im Krankenhaus gelöst werden. Wer im Riff auf einen ruhenden Ammenhai trifft, hält also schlicht Abstand — dann bleibt es bei einer der entspanntesten Hai-Begegnungen, die man haben kann.

Zwei Ammenhaie schwimmen im flachen, türkisfarbenen Wasser der Bahamas über Sandgrund
Ammenhaie halten sich meist in flachem Küstenwasser auf – hier zwei Tiere über Sandgrund auf den Bahamas. Foto: Cam Green / Pexels

Wo Ammenhaie leben und wann Taucher sie treffen

Der Atlantische Ammenhai lebt im Westatlantik zwischen Rhode Island und Brasilien, mit Schwerpunkt in der Karibik, dazu im Ostatlantik vor Westafrika und im Ostpazifik von Kalifornien bis Peru. Seine nächsten Verwandten decken den Rest der Tropen ab: Der Indopazifische Ammenhai (Nebrius ferrugineus) kommt vom Roten Meer über die Malediven bis Australien vor — er gehört damit zu den Arten, die man bei Tauchgängen im Roten Meer antreffen kann.

Typische Aufenthaltsorte sind flaches Küstenwasser: Korallenriffe, Sandflächen, Seegraswiesen und Mangrovenkanäle. Tagsüber ruhen die Tiere in Tiefen zwischen 3 und 75 Metern unter Überhängen und in Höhlen, gelegentlich in Gruppen von bis zu 40 Individuen, die dicht übereinander liegen; nachts jagen sie meist flacher als 20 Meter. Möglich ist das nur, weil der Ammenhai Wasser aktiv über die Kiemen pumpen kann — anders als etwa der Schwarzspitzen-Riffhai muss er nicht in Bewegung bleiben, um zu atmen. Erst in der Dämmerung löst sich die Gruppe auf, und die nächtliche Suche am Boden beginnt.

Der Bestand des Ammenhais schrumpft

Seit 2021 führt die Weltnaturschutzunion IUCN den Atlantischen Ammenhai als gefährdet (vulnerable). Die Gründe sind Überfischung und der Verlust flacher Küstenlebensräume. Die Bewertung dokumentierte Fänge an 26 Orten in neun Ländern Amerikas und Afrikas, überwiegend aus handwerklicher Fischerei und als Beifang. Brasilien, Kolumbien und Guinea-Bissau haben den Fang inzwischen verboten.

Besonders verwundbar macht ihn seine Lebensweise. Ein Hai, der ortstreu im flachen Wasser lebt, sich kaum wehrt und erst nach anderthalb bis zwei Jahrzehnten Nachwuchs bekommt, erholt sich von Bestandseinbrüchen extrem langsam. An einigen gut untersuchten Standorten im Südatlantik sind die lokalen Populationen bereits messbar geschrumpft.

Häufige Fragen zum Ammenhai

Wie groß werden Ammenhaie?

Ausgewachsene Tiere messen meist 2,1 bis 2,7 Meter bei 75 bis 120 Kilogramm. Der größte sicher vermessene Ammenhai war 3,08 Meter lang; ältere Angaben von über vier Metern gelten als übertrieben.

Ist der Ammenhai gefährlich?

Nein. Er zählt zu den ungefährlichsten großen Haien, macht rund ein Prozent der unprovozierten Bisse weltweit aus und hat keinen dokumentierten Todesfall verursacht. Gefährlich wird er nur, wenn man ihn anfasst oder festhält.

Hat ein Ammenhai Zähne?

Ja, aber kleine und gedrungene mit mehreren Spitzen. Sie sind zum Zermalmen von Schalen gebaut, nicht zum Reißen von Fleisch — und sitzen in einem Kiefer, der bei einem Biss auffällig lange geschlossen bleibt.

Was fressen Ammenhaie?

Vor allem Krebstiere wie Langusten und Krabben, dazu Seeigel, Muscheln, Oktopusse, Kalmare und langsame Bodenfische. Gejagt wird nachts, mit Sog statt mit Geschwindigkeit.

Wo leben Ammenhaie?

In flachen, warmen Küstengewässern: der Atlantische Ammenhai in der Karibik, im West- und Ostatlantik sowie im Ostpazifik, der Indopazifische Ammenhai vom Roten Meer über die Malediven bis Australien.

Warum heißen Ammenhaie so?

Der Name geht vermutlich auf das englische „nurse shark“ zurück, dessen Ursprung im mittelenglischen Wort für bodenbewohnende Haie vermutet wird. Verstärkt wurde er durch das schmatzende Sauggeräusch beim Fressen, das Seeleute an ein saugendes Jungtier erinnerte.

Fazit: ein Spezialist, kein Faulpelz

Der Ammenhai wirkt träge, weil er seine Energie nicht ins Schwimmen steckt, sondern in einen einzigen, extrem effizienten Moment: 32 Millisekunden Maulöffnung, 294 Kilopascal Unterdruck, Beute drin. Das ist keine Trägheit, das ist Spezialisierung.

Für Taucher ist er damit die vielleicht angenehmste Hai-Begegnung überhaupt — solange die Regel gilt, die im Riff ohnehin für alles gilt: ansehen, nicht anfassen. Und für den Artenschutz ist er ein Mahnmal dafür, dass Ungefährlichkeit keinen Schutz bietet: Genau die Eigenschaften, die ihn für uns harmlos machen, machen ihn für die Fischerei zur leichten Beute.